Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, woher unser Kaffee eigentlich kommt, lasst einen der erste Instinkt unmittelbar an das Herkunftsland denken. Vielleicht auch die Region. Und wer ganz nerdig drauf ist, kennt im besten Fall auch die Farm, von der sein Single Origin stammt. Aber selbst das ist nicht die ganze Wahrheit. Denn ein Kaffeefarmer kann nur dann Kaffee liefern, wenn er genug davon ernten kann. Und dafür ist er auf Helfer angewiesen. Schlussendlich geht das schwächste Glied der Supply Chain also unter. Dieser Artikel will diese heimlichen Helden in den Mittelpunkt rücken und ihr Schicksal beleuchten, damit die Frage nach der Herkunft von Kaffee demnächst vollumfänglich beantwortet werden kann. Denn ohne ihre fleißigen Hände müssten wohl so einige auf den Genuss von Kaffee verzichten: die Erntehelfer.

Die Erntehelfer auf dem Weg zur Arbeit: Die Kaffeefelder

Die Erntehelfer sind der eigentliche Motor der Kaffeefarmen: Ich habe Henry, Junior, Oscar, Carlos, Jesus, Julio und José Luís von Miguel Ángels Kaffeefarm zwei Tage lang im Feld begleitet.

Von der Pflege der Kaffeepflanzen und Plantagen bis zum Pflücken der reifen Kaffeekirschen erfolgen in vielen Anbaugebieten viele Schritte im Kaffeeanbau noch immer von Hand. Je nachdem wie groß eine Kaffeefarm ist, braucht es also viele Hände, um die Produktion sicherzustellen. Der Hauptbedarf an Erntehelfern besteht dabei natürlich während der Erntezeit – das kann, je nach Lage, mitunter nur ein Mal im Jahr sein. Daran wird schnell erkennbar, dass Kaffeepflücker, Wanderarbeiter und Farmangestellte die verwundbarste Gruppe im gesamten Produktionsprozess sind.

Ihre Schicksale und Lebenswege laufen so weit unter dem Radar, dass sie auch bei Nachhaltigkeitsbestrebungen und Fair-Trade-Projekten keine wirkliche Beachtung oder gar Partizipation erfahren. Dabei machen ihre noch so kargen Löhne bis zu 60 Prozent der Produktionskosten aus. Gleichzeitig führen Klimaveränderungen, Krankheitsausbrüche, Schädlingsbefall und Preisschwankungen zu Arbeitskräftemangel und schaffen die Grundlagen für noch schlechter Arbeitsbedingungen.

Wer an diesen Zuständen etwas ändern will, sieht sich nicht selten, wie Repräsentanten der Brasilianischen Arbeitergewerkschaft ADERE-MG berichten, Todesdrohungen, Rechtsstreitigkeiten und Bestechungsversuchen ausgesetzt. Die Probleme der Erntehelfer sind nahezu überall deckungsgleich: gefährliche Transportwege, desolate Unterbringung, lange Arbeitstage, schlechte Bezahlung – und die Gefahr, um selbst die noch betrogen zu werden –, sowie keinerlei soziale Absicherung, weil die meisten ohne Vertrag arbeiten.

Ein Blick auf Miguel Ángels Kaffeefarm

Wer sind die Erntehelfer, die unseren Kaffee pflücken?

Kaffeefarmen stellen normaler Weise nur eine begrenzte Anzahl Mitarbeiter langfristig ein. Diese kümmern sich außerhalb der Erntesaison etwa um neue Pflanzen und um die Instandhaltung von Maschinen und Gebäuden, übernehmen die Schädlingsbekämpfung (oder -vorbeugung), düngen die Plantagen; solche Dinge eben. Sie sind die einzigen, die ein fixes Einkommen erhalten.

Wenn dann die Erntezeit beginnt, holen die Kaffeebauern sich Unterstützung in Form von Erntehelfern. Saisonarbeiter, die etwa drei Monate lang – für die Dauer der Ernte – auf der Farm arbeiten. Von diesen Saisonarbeitern machen Wanderarbeiter – nomadische Tagelöhner – rund 30 Prozent aus. Aus politischen Gründen sind das in Kolumbien derzeit etwa viele Venezuelaner. Der Großteil der Erntehelfer sind jedoch Ortsansässige, die nicht selten auf mehr als einer Farm in der Umgebung arbeiten, um sich über Wasser zu halten.

Und ja, auch Kinderarbeit ist in der Kaffeeproduktion keine Seltenheit. Kaffee zählt laut dem US-amerikanische Arbeitsministerium zu einem der 75 Agrarerzeugnisse, für dessen Herstellung Kinder- und bisweilen auch Zwangsarbeiter eingesetzt werden. Das Ministerium weist diverse Kaffeeländer aus, die diese Praxis verfolgen, darunter Costa Rica, Kolumbien, Guatemala, Kenya, Vietnam und 11 weitere.

Wer pflückt unseren Kaffee?

Wer pflückt unseren Kaffee? Diese Frage bleibt – trotz steigender Nachfrage für fair gehandelte Kaffees – meist unbeantwortet. Oder wird gar nicht erst gestellt.

Ein Blick auf die Lebensumstände von Erntehelfern

Die Erntehelfer sind oft die Ärmsten der Armen. Während die Jugend abwandert, um in den großen Städten anderen, moderneren und einträchtigeren Berufen nachzugehen, sehen sich die Kaffeefarmer mit zunehmend älteren, ungebildeten und immer wechselnden Erntehelfern konfrontiert. Die hohe Fluktuation bereitet auch dem Kaffeebauern Probleme. Denn er muss jede Saison neue Hilfskräfte einarbeiten und kann sich nicht auf die Erntequalität verlassen. Zumal er die Erntehelfer, anders als seine festangestellten Mitarbeiter, üblicher Weise in Säcken bezahlt. Da ist es natürlich verführerisch, nicht nur die wirklich reifen Kirschen zu ernten, um mehr Säcke in kürzerer Zeit zu füllen.

Den Preis pro Kaffeesack legt der Kaffeefarmer individuell fest. In der Regel ist er abhängig von der Menge und Qualität der Ernte, aber natürlich unterliegt er auch dem aktuellen Rohkaffeepreis, den wiederum der Farmer von seinen Abnehmern erhält. Je niedriger der ist, desto geringer fällt natürlich auch die Bezahlung der Wander- und Hilfsarbeiter aus. Versuchen diese durch Tricksereien, wie dem Ernten noch nicht vollreifer Kaffeekirschen, ihre Ausbeute zu erhöhen, mindert das wiederum den Verkaufswert des Kaffees. In der Folge sinkt sein Lohn zusätzlich.

Broca-Befall an der Kaffeefrucht

Auch ohne große Fachkenntniss erkennt man es auf den ersten Blick: Dem Erntehelfer oben ging es um die Quantität. Es wurden unreife, reife und faule Kirschen geerntet.

 

Im nächsten Bild sehen wir eine qualitativ hochwertige Ernte, wie sie auf Miguel Ángels Farm zum Standard gehört.

Broca-Befall an der Kaffeefrucht

Der Verdienst von Kaffee-Erntehelfern

Der Verdienst der Tagelöhner ist je nach Plantage, Kilokurs für Rohkaffee und Erntequalität, die nicht immer jedes Jahr die gleiche ist, ein anderer. Bisweilen kann der Lohn sogar für jede Kaffeepflanze anders ausfallen. Im Schnitt weisen die meisten Quellen einen Sackpreis von 2 bis 4 US-Dollar aus.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Saisonarbeiter in vielen Kaffeeländern keinen Arbeitsvertrag haben. Sie haben also nichts in der Hand, um sicherzustellen, dass sie ein angemessenes Gehalt ausgezahlt bekommen; oder im schlimmsten Fall überhaupt bezahlt werden. Das öffnet Missbrauch und Ausbeutung Tür und Tor, sodass Erntehelfer oft unterbezahlt werden. Selbst in Ländern, in denen es eigentlich einen gesetzlichen Mindestlohn gibt.

In Brasilien soll das, laut Gewerkschaftsangaben, auf 40 Prozent der Landwirtschaftsarbeiter allgemein und im Kaffeesektor insbesondere zutreffen. Und nicht selten tricksen auch die Farmer. Sie händigen ihren Erntehelfern etwa Körbe mit falschen Markierungen oder präparierte Erntekisten aus. Diese verfügen an den Seiten über Bohrungen für die Tragegriffe. Diese dienen gleichzeitig als Markierungen für die Erntemenge. Werden die Kisten bis zu diesen Löchern gefüllt, entspricht das einem Volumen von 70 Litern – also einem Sack Kaffee. Alles, was darüber hinaus geht, fällt aus der Kiste. Was dem Erntehelfer eigentlich zur Orientierung dient, wird von einigen Plantagenbetreibern ausgehebelt, indem die Farmer diese Bohrungen verstopfen.

Weil die Arbeiter meist weder besonders gebildet sind noch besonders erfahren, haben sie nun kein Maß mehr dafür, wie viel Kaffee sie ernten und füllen die Kisten bis zum Rand. Dieses Mehr an Inhalt kann sich schnell auf 20 Liter belaufen. Für den Farmer macht das fast ein Drittel Ernte mehr. Der nichts ahnende – und selbst wenn, sind ihm die Hände gebunden, – Erntehelfer erhält dennoch nur den Preis für einen Sack.

Ein Blick auf Miguel Ángels Kaffeefarm

Die Arbeitsbedingungen von Tagelöhnern auf Kaffeeplantagen

Nicht selten arbeiten die Erntehelfer unter unsicheren Bedingungen auf den Kaffeeplantagen. Das reicht von fahrlässigem Arbeitsschutz durch mangelhafter oder fehlender Schutzausrüstung bis zur Nichtbereitstellung von Arbeitskleidung und -materialien durch die Kaffeefarm. Die Saisonarbeiter müssen es also ohne ausreichende Ausrüstung mit Gefahren auf Leib und Leben durch mitunter giftige Schlangen, Spinnen oder Feuerameisen und eventuelle Terrainunebenheiten aufnehmen. Oftmals fehlt ihnen außerdem die Erfahrung oder zumindest die Einarbeitung in den Umgang mit Macheten, Pestiziden und anderem Arbeitsgerät. Hinzu kommen Faktoren wie Arbeitszeit, sowie halsbrecherische Transport- und Arbeitswege.

Lange Tage, wenig Pausen

Die Arbeitstage der Saisonarbeiter während der Kaffeeernte sind sehr lang. Begünstigt natürlich durch die Art der Bezahlung – die Arbeiter möchten mehr verdienen, also arbeiten sie länger, um möglichst viel Kaffee pro Tag zu ernten. Oft haben sie 10- bis 14-Stunden-Tage. Deutlich über dem, was die Arbeitsgesetze vielerorts erlauben würden.

Und selbst unter diesen Konditionen gibt es noch ein zwei-Klassensystem. Für Wanderarbeiter und Flüchtende sind die Arbeitsbedingungen nochmals schlechter, als für Saisonarbeiter und Erntehelfer aus der Umgebung. Meist arbeiten sie die komplette Ernteperiode hinweg durch.

Die Unterbringung der Saisonarbeiter

Die Erntehelfer, die in der Umgebung einer Kaffeefarm leben, sind in aller Regel nicht vor Ort untergebracht, sondern müssen jeden Morgen und Abend zur Arbeit gelangen. Festangestellte und Wanderarbeiter allerdings verbleiben üblicher Weise auf der Farm. Die Lebensbedingungen können dort schnell erbärmlich werden.

Oft leben die Saisonarbeiter dann zu vierzigst oder mehr in riesigen Gemeinschaftslagerräumen. Matratzen, Bettdecken und Sanitäreinrichtungen sind häufig Mangelware, ganz zu schweigen von Privatsphäre oder Sicherheit. Bisweilen sind die Gebäude selbst auch in schlechtem Zustand – was lebensbedrohlich sein kann. Auch der Zugang zu Trinkwasser ist zuweilen eingeschränkt; oder gar nicht erst vorhanden.

Die oftmals menschenunwürdige Unterbringung der Erntehelfer wird von Gewerkschaften und Arbeitern gleichermaßen angeklagt. Nennenswerte Veränderungen gab es in den letzten Jahren allerdings nicht – trotz zunehmendem Bewusstsein für nachhaltigen Kaffee. Denn für die unsichtbaren Erntehelfer scheint zwischen den Bestrebungen zum Klima- und Umweltschutz und zur Qualitätssteigerung kein Platz zu sein. Oder doch?

Qualität statt Quantität: José Luís beim Kaffee-Ernten auf Miguel Ángels Farm.

Qualität statt Quantität: José Luís lässt sich auf Miguel Ángels Kaffeeplantage Zeit: Er erntet nur die wirklich reifen Kaffeefrüchte.

Licht am Ende des Tunnels für Erntehelfer?

Die Specialty Coffee Association (SCA) hat das Thema Arbeitsbedingungen in den Mittelpunkt der Nachhaltigkeitsdiskussion bei der Kaffeeproduktion gerückt. Kaffee stellt ein großes, wirtschaftliches Entwicklungspotential für viele Gemeinden und Regionen dar. Damit aber wirklich alle, einschließlich der Saison- und Wanderarbeiter, von diesem Potential profitieren können, müssen die Arbeitsbedingungen drastisch verbessert werden.

Das Problem ist: Man kann die Diskussion um die Arbeitsbedingungen auf Kaffeefarmen nicht führen, ohne dabei auch die Position der Farmbetreiber miteinzubeziehen. Denn nicht nur die Hilfsarbeiter sind verwundbar, auch die Kaffeefarmer sehen sich mit ganz eigenen Herausforderungen konfrontiert. Und nur, wenn sie diese meistern, können im nächsten Schritt die Bedürfnisse der Feldarbeiter gestillt werden. Wenn ein Kaffeebauer zwischen den zu zahlenden Gehältern und dem Verkaufspreis für seinen Kaffee seine Gewinnspanne dahinschwinden sieht, wird er langfristig auch nicht überleben.

Und mitunter stellen auch die Tagelöhner und Arbeitsnomaden den Kaffeefarmer auf die Probe. Oft weiß er nicht, welchen Hintergrund die Menschen haben. Er setzt sich, seine Farm und seine anderen Arbeiter mitunter unterschätzten Gefahren aus, weil er viele Saisonarbeiter nicht kennt. Darunter befinden sich immer auch welche, die es mit ihrem Arbeitgeber nicht gut meinen. Die, die Armut zu Diebstahl und Gewalttätigkeiten verleiten. 

Die Arbeitsbedingungen anzusprechen ist wichtig. Aber es ist unmöglich, sie einseitig zu betrachten. Und das macht es nicht gerade einfacher, das Problem zu lösen. Man braucht Richtlinien und Instrumente, die potentielle Brennpunkte im Kaffeesektor genau festlegen und Maßnahmen zielgerichtet darauf ausrichten können. So kann langfristig die Qualität verbessert werden, wodurch auf lange Sicht der Weg zu besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen für Erntehelfer und deren Familien frei werden kann.

Tauchen wir noch einmal in den Wald unter dem eigentlichen Wald ein und schauen auf Miguel Ángels Erntehelfer.

Adieu, Halbwissen

CafCaf hat eine Crowdfunding für die Kaffeefarm von Miguel Ángel in Kolumbien erfolgreich finanziert, eine Farm mit Vorbildcharakter. Dort zählen 6 Angestellte aus Venezuela das ganze Jahr über zum festen Personal. Sie übernehmen das Schneiden der Kaffeepflanzen, das Düngen, die Bodenpflege und was so anfällt. Miguel Ángels Angestellte haben allesamt eine Krankenversicherung und sind sozusagen ein Teil der Familie.

Wenn der Kaffee dann erntereif ist, greift Miguel Ángel ausschließlich auf Helfer aus dem Dorf Zapatoca zurück. Ein Mal im Jahr erfährt er tatkräftige Unterstützung durch bis 30 Einwohner, die sich durch diese Arbeit ein Zubrot verdienen. Den Rest des Jahres arbeiten sie alle in anderen Berufen und Bereichen.

Der Lohn für Erntehelfer auf Miguel Ángels Kaffeefarm hoch oben in den Bergen Kolumbiens liegt bis zu 30 Prozent über dem Durchschnitt. Und das, obwohl der Bergkaffee nur ein einziges Mal im Jahr geerntet werden kann. Wir finden, man schmeckt das. Überzeugt euch gerne selbst davon.

Adieu, Halbwissen

 

CafCaf hat gerade eine Crowdfunding für die Kaffeefarm von Miguel Ángel in Kolumbien gestartet, eine Farm mit Vorbildcharakter. Dort zählen 6 Angestellte aus Venezuela das ganze Jahr über zum festen Personal. Sie übernehmen das Schneiden der Kaffeepflanzen, das Düngen, die Bodenpflege und was so anfällt. Miguel Ángels Angestellte haben allesamt eine Krankenversicherung und sind sozusagen ein Teil der Familie.

Wenn der Kaffee dann erntereif ist, greift Miguel Ángel ausschließlich auf Helfer aus dem Dorf Zapatoca zurück. Ein Mal im Jahr erfährt er tatkräftige Unterstützung durch bis 30 Einwohner, die sich durch diese Arbeit ein Zubrot verdienen. Den Rest des Jahres arbeiten sie alle in anderen Berufen und Bereichen.

Der Lohn für Erntehelfer auf Miguel Ángels Kaffeefarm hoch oben in den Bergen Kolumbiens liegt bis zu 30 Prozent über dem Durchschnitt. Und das, obwohl der Bergkaffee nur ein einziges Mal im Jahr geerntet werden kann. Wir finden, man schmeckt das. Überzeugt euch gerne selbst davon.

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